
Den Strand hat man nie für sich allein. Aber früh am Morgen, wenn das erste Licht über die Hügel von Koh Lanta streicht, dann kommt man diesem Gefühl nahe. Einige wenige Frühaufsteher sind schon da, laufen sich mit festen Schritten in den Urlaubsmodus, immer knapp an der Wasserlinie entlang, dort wo der Sand einen festen Untergrund bildet. Den Blick stramm geradeaus, als seien sie auf einer Mission. Zu ihren Füßen plätschern winzige Wellen, die so sanft den weichen, fast weißen Sand betasten, als schlecke ein Kätzchen Milch aus einer Schale. Morgens entfaltet der Klong Nin Beach seine ganze Pracht.
Im Roundhouse bekommt das kaum jemand mit. Frühaufsteher sind hier selten. Manchmal ist Vicky schon wach, sitzt vor ihrer Zimmertür, raucht die erste Zigarette des Tages und grinst etwas verloren. Die stämmige Engländerin mit dem blonden Lockenkopf braucht eine gewisse Zeit, bis sie zum ersten Mal ihr herzhaftes, ansteckendes Lachen hören lässt. Vicky ist Dauergast in der kleinen Anlage direkt am Strand. Sie lebt seit etwa einem Jahr im Roundhouse, was ihr unter anderem den Vorzug einbringt, dass sie sich hinter der hölzernen Theke morgens ihren Kaffee selbst machen kann. Vicky gehört zur Familie.
Das Leben hier dreht sich vor allem um Paul und Nadia. Das Roundhouse ist ihr Zuhause, seit sie es vor sieben Jahren übernommen haben. Vier, fünf Bungalows, dazu ein paar Zimmer im vorderen Gebäude, das teuerste mit der Balkontür direkt zum Strand. Und mittendrin die Bar. Sie ist Wohnzimmer, Bühne, für manche auch Büro und vor allem das Reich von Paul, der jeden Tag selbst hinter der Theke steht. Paul mag Bier. Er ist schließlich Engländer. Und um ihn herum geht das Leben seinen speziellen, meist langsamen Gang.
Koh Lanta zieht eine Menge Langzeiturlauber an, von denen einige sich entschließen, beim nächsten Mal für immer zu bleiben. Das war Paul und Nadia so, und das ist bei einigen anderen auch so, die zwei-, dreimal hier waren und jetzt entweder direkt in einem der Bungalows leben oder ein paar Schritte die Straße runter – immer in der Nähe des ewigen Sonnenuntergangs. Eine junge deutsche Grafikerin lebt jetzt hier, ihr Laptop ist alles, was sie zum Arbeiten braucht. Auch eine französische Journalistin, die für einige PR-Agenturen arbeitet, hat für einige Zeit hier ihre Zelte aufgeschlagen. Aurelie ist eine der digitalen Nomaden, die überall zu Hause sind, wo es WLAN gibt. Dazu kommt eine Reihe von Stammgästen, Engländer, Australier, Amerikaner, die mehr oder weniger dauerhaft auf der Insel leben. Vicky schaut sich gerade nach einem neuen Job um. Der letzte, Englisch-Unterricht übers Web, war ihr ein bisschen zu stressig. Also chillt sie erstmal, liegt viel in der Hängematte, genießt das Leben.

„Die Mischung hier ist besonders“, sagt Silvie, „das Roundhouse ist ein sehr besonderer Ort.“ Die Französin macht Pause hier. Pause vom Reisen. Sie war jetzt ein paar Monate unterwegs, schwärmt vor allem von Myanmar. Sylvie ist Ende 50, hat ihren festen Job – irgendwas mit Wirtschaft – vor ein paar Jahren gegen die Freiberuflichkeit eingetauscht, um mehr Freiheit für sich zu haben. Mehr Zeit zum Reisen auch. Eine Situation, die bei anderen ihres Alters für abgekaute Fingernägel und dünne Nervenstränge sorgen würden. Bei Sylvie aber spürt man eine tiefe innere Zufriedenheit. „Reisen hält frisch“, sagt sie. Und lacht, wie sie reist: wie mit Ende 20.
Aurelie ist krank. Irgendein Virus, hoffentlich nichts Schlimmes. Die gesamte Roundhouse-Familie nimmt Anteil daran. Vicky und Nadia fragen sofort, ob sie etwas tun können, Medikamente besorgen vielleicht. Eine der rührenden Thailänderinnen, die Küche und im Prinzip auch das meiste andere im Roundhouse im Griff haben, legt der Französin mit einem weichen Lächeln ein Kissen unter den Kopf, als die sich auf einer der Holzbänke ausstreckt. Dazu doziert Hubert, welche Arten von Mücken es gibt und mit welch hässlichen Krankheiten die gerade so unterwegs sind.
Hubert wohnt nicht im Roundhouse, ist aber fast jeden Nachmittag hier. Der Österreicher, Mitte 50 und so hager wie ein thailändischer Feldarbeiter, hat sich für ein paar Monate in Old Town einquartiert. „Ould Down“, wie er in seinem Salzburger Singsang sagt, liegt auf der anderen Seite der Insel. Dort ist es wesentlich ruhiger, vor allem abends, wenn die Tagesbesucher weg sind. „Und billiger“, sagt Hubert und lächelt verschmitzt. Auch Hubert ist „Freelancer“. Er erstellt für große Konzerne komplexe Risikoanalysen bei großen Katastrophen. Tsunamis, Seuchen, Erdbeben. Hubert gerät schnell ins Dozieren, wenn man ein Thema anschneidet, springt von einem Thema zum nächsten und hat es am liebsten, wenn man ihm zuhört. Bei einem anerkennenden „ach“ lächelt er zufrieden.
Abends, wenn die Sonne dem Meer entgegensinkt und die Bar des Roundhouse in goldenes Licht taucht, wird es etwas voller im Wohnzimmer. Paul, der hier sein Leben mit freiem Oberkörper lebt, trinkt mit ein paar Stammgästen ohne Hast ein Bier nach dem anderen. Es ist Happy Hour, da kostet der halbe Liter Chang nur 80 Baht, knapp 2,50 Euro. Vicky spricht mit einem dicken Australier und einem kleinen Amerikaner, die offenbar so lustig sind, dass die Engländerin mit ihrer schallenden Lache den halben Strand an ihrer Verzückung teilhaben lässt. Selbst Charlie und Sly sind jetzt wach, die beiden Hunde, die zur Familie gehören und in der Regel den ganzen Tag verschlafen. Wenn die Sonne den Horizont berührt, wird es fast ehrfürchtig still. Dann schauen alle in die Ferne, hängen ihren Gedanken nach. Es ist nicht zuletzt dieser Moment, wegen dem einige hier geblieben sind. Zum Sonnenuntergang entfaltet der Klong Nin Beach seine ganze Magie.










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Super geschrieben ! Vielen Dank für das Dran Teilhaben lassen !