„Der Buddhismus„, sagt Viraj, „ist keine Religion, er ist eine Philosophie.“ Wie 70 Prozent seiner 21,5 Millionen Landsleute ist auch unser Reiseleiter Buddhist. Abgesehen vom eher hinduistisch geprägten Norden, ist die Lehre Buddhas in den anderen Landesteilen beinahe allgegenwärtig. Zum einen, weil sie durch zahllose Tempel, Schreine und kleine Ehrbezeigungen sichtbar ist, zum anderen, weil sie das Leben der Menschen bestimmt und vor allem das der Frauen einengt, wie es nur eine Religion kann. Philosophie hin oder her. Dafür, dass der Buddhismus im Westen für seine Friedfertigkeit gerühmt wird, ist das Maß an Unterdrückung der Frauen beachtlich. Wobei natürlich die Trennlinie zwischen buddhistischer Lehre und dem von Männern geprägten, archaischen Rollenbild fließend ist. Ganz so, wie es auch im christlichen Mitteleuropa in früheren Jahrhunderten war.

Dass Ehen arrangiert werden, ist in Sri Lanka ganz normal. Samstags inserieren Eltern seitenweise die Vorzüge ihrer Söhne und Töchter, um geeignete Partner für ihre Sprösslinge anzulocken. Beachtlich, dass dies auch für „Kinder“ gilt, die das 30. Lebensjahr schon hinter sich haben. Beim Thema Ehe spielt das Kastensystem eine elementare Rolle, das vor Jahrhunderten von Indien aus auch bei den Singhalesen Einzug gehalten hat. Die Kasten gliedern sich nach Berufen, die die Vorfahren einer Familie einst ausgeübt haben. Welche Entwicklung die Familie zwischenzeitlich genommen hat, spielt dabei keine Rolle – Bauer bleibt Bauer, Fischer bleibt Fischer. Das gilt für Ärzte genauso wie für Busfahrer oder Hilfskellner. Übrigens ist Bauer eine sehr hoch angesehene Kaste, Fischer eine eher niedrige. Weiß der Himmel, warum.
Die Eltern sind sehr darauf bedacht, dass das Kind nicht unter dem eigenen Stand also der eigenen Kaste heiratet. Dem reinen Schubladendenken gemäß würde es also eine Familie von Habenichtsen, deren Urahnen mal Bauern waren, als unter ihrem Stand ansehen, wenn die Tochter einen Arzt heiraten wolle, weil dessen Vorfahren vor 400 Jahren mal Makrelen aus dem Meer gezogen haben. Kinder, die sich dem widersetzen, werden noch heute von ihren Familien verstoßen. Ganz langsam, sagt Viraj, wird diese im wahrsten Sinne mittelalterliche Tradition von den Rändern, sprich den größeren Städten, aufgeweicht. „Ich habe aus Liebe geheiratet“, erklärt Viraj uns schon am zweiten Tag unserer Reise voller Stolz. Immer noch die Ausnahme auf Sri Lanka.
Wie in Indien wünschen sich Eltern in Sri Lanka grundsätzlich Jungen als Kinder. Der Hauptgrund: Wird die Tochter einst verheiratet, muss die Familie eine beträchtliche Mitgift aufbringen, während Söhne gar nichts in die Ehe mitbringen müssen. Eine Kostenfrage also, erst recht in einem Land, in dem das monatliche Durchschnittseinkommen bei 300 Euro liegt. Die Folge sind bis heute Abtreibungen unter furchtbaren Bedingungen, bei denen nicht selten auch die Frau stirbt.

Dass kleine Mädchen anders behandelt werden würden als Jungen, ist mir im Alltag nirgendwo aufgefallen. Die Singhalesen lieben und verhätscheln ihre Kinder genauso wie anderswo auf der Welt und die Kinder strahlen eine ausgelassene Fröhlichkeit aus. Allerdings dürfen Mädchen in einigen Landesteilen keinen Sport treiben und auch an anderen Aktivitäten nicht teilnehmen. Einen richtigen Einschnitt aber erfährt ihr Leben, wenn sie zum ersten Mal ihre Periode bekommen. Bis zu zwei Wochen werden die Mädchen dann in einen dunklen Raum gesperrt, zu dem nur Frauen Zugang bekommen, um ihnen Essen zu bringen und den Nachttopf abzuholen. Für Väter ist das häufig ein Anlass tiefer Trauer, berichtet Viraj, weil das „kleine Mädchen“ nun erwachsen wird. Man fragt sich, was diese Prozedur in einem zwölfjährigen Kind auslöst.

Irgendwann verheiratet, wird das Ganze natürlich nicht unbedingt besser. Der Mann hat zu Hause das Sagen (zumindest formell), was auch bedeutet, dass er entscheidet, wann und wohin seine Frau gehen darf oder eben nicht. Und dann dreht sich bei der nächsten Generation das ganze Rad wieder von Neuem. Interessanterweise sind es vor allem die Frauen, sagt Viraj, die mit besonderer Vehemenz an den alten Traditionen festhalten.





